Tour

#Lightluzlicht

oder  

Andalucia im Sommerlicht

Martin und ich fahren zum zweiten Mal mit dem Auto nach Andalusien und wieder fällt uns auf wie sich das Licht auf unserer Tour Richtung Süden verändert. Wie man entlang der Breitengrade Zeitzonen eingerichtet hat, könnte man die Nord-Südachse Richtung Äquator in Lichtzonen einteilen. Die erste wäre für uns auf der Höhe von Bordeaux. Bei klarem Himmel und in der Mittagszeit erscheint plötzlich alles heller und das Grün der Kiefern leuchtet intensiver als zu Hause. 

Die zweite Lichtzone erleben wir dann am zweiten Tag in Extremadura auf dem Weg durch Spanien.

So hell wie hier habe ich die Welt noch nicht erlebt. Im Radio werden für die kommenden Tage Hitzerekorde angekündigt. Und meine Augen schweifen zum endlos weit entfernten Horizont.

Bei soviel Licht schaue ich mit den Sonnenstrahlen in die Welt  und alles erscheint transparenter, schärfer und klarer.

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Ich habe aufgehört, eine Sonnenbrille zu tragen. Ich achte nur darauf, nicht direkt in die Sonne zu schauen, benutze eine Kappe, so dass ich meine Augen weit öffnen kann. Und es überrascht mich, wie viel Licht sie aufnehmen können.

 

"WER NICHT DAS AUGE SONNENHAFT, DIE SONNE KÖNNT ES NIE ERBLICKEN"   (Goethe)

 

Licht lässt erkennen, was ist.

Licht lebt.

Licht wärmt.

Licht bringt die Welt zum Leuchten.

 

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Mit meinen Augen versinke ich in den Himmel. Oder ich blicke in die Tiefe neben meinem Brett ins Wasser. Es ist als schaute ich in meine eigene Seele. Je mehr Licht hineinstrahlt, umso klarer und tiefer kann ich alles erkennen. Und ich lerne, das Sonnenlicht zu atmen, ein Moment der Meisterschaft. 

Seichte Wellen bewegen das Brett.

Mein Körper kennt das und schaukelt sanft mit dem Wasser.

Ein Lichtmeer hüllt die Welt in Zauber. 

 

Vejer e la Frontera

La Costa de la Luz

Auf meinem Weg mit mir selbst oder allein zur Laguna Negra

Bariloche, Rio Negro, Argentinien

Als Frau allein zu gehen ist nicht gerade das, was einem in Argentinien empfohlen wird. Das weiß ich und bekomme es auch öfter zu hören, von den Leuten des Club Andino, meinen Freunden und den Mitarbeitern des Nationalparks. Aber wenn niemand da ist, der mit mir gehen will, ist die Alternative eben auch nicht zu Hause zu bleiben. Also packe ich meinen Rucksack und treffe ein paar Vorsichtsmaßnahmen.

Ich wähle Routen, die ich schon kenne, weiß hinter welcher Weggabelung ich keinen Handyempfang mehr habe, mit im Gepäck immer ein externer Akku, kenne die glimpflichen Stellen und kann meine Kondition gut einschätzen. Ich sage Martin Bescheid, wohin ich gehe und wann ich wieder zurücksein möchte. Und noch etwas, ich breche früher auf als es die Argentinier tun, dann habe ich immer jemanden im Rücken. Und wenn die Wetterlage stabil ist, gehe ich los.

Schon bei den ersten Schritten spüre ich ein bisschen der inneren Freiheit, die sich beim Gehen einstellt. Diesmal geht´s zur Laguna Negra, zum Refugio Segre. Martin hatte mich zum Ausgangspunkt der Route kurz hinter Colonia Suizza gebracht, von dort aus geht es mehrere Stunden am Arroyo Goye entlang bis zu einem Wasserfall, wo der eigentliche Aufstieg zum Refugio beginnt.

 

Doch nach den ersten Schritten sah ich plötzlich ein provisorisch angebrachtes Schild "Hoy el Refugio esta lleno". (Heute ist die Hütte voll) "Himmel", dachte ich. Und nach einer kurzen Gedankenpause, entschied ich trotzdem zu gehen, denn irgendwo würde es doch noch einen Platz für mich geben.

Ich gehe also weiter und in mir verschwindet langsam die Aufregung, darüber dass ich das tue. Martin ist weg, der Weg liegt vor mir und jetzt, wo der äußere Lärm verschwindet, höre ich plötzlich wie laut meine eigenen Gedanken sind. "Habe ich alles, was ich brauche? Wieviel Uhr ist es? Wieviele Stunden werde ich gehen? Was, wenn es dort oben doch keinen Platz mehr gibt"? Lauter unnütze Fragen, die mir nicht weiterhelfen. Ich lass sie vorbeiziehen und konzentriere mich auf den Rhytmus meiner Schritte, was ungefähr dem Achten auf die Atmung beim Yoga gleichkommt. Dann geht´s. Es geht. Und die Gedanken gehen auch.

Was bleibt ist die Stille, die immer präsenter wird. Und aus dieser Präsenz heraus kommt die Kraft zu gehen und die Sonne macht alles noch lichtvoller und schöner. 

Es sind zwei bis drei Stunden vergangen und mir ist noch niemand begegnet. Einmal kurz Eintauchen in eine Stelle des Baches erfrischt. Und mir fällt ein Gespräch mit einem Arzt einer Intensivstation ein, der mir zuvor in Deutschland von seiner Arbeit zwischen Leben und Tod erzählt hatte. Auf meine Frage hin, wie er das über all die Jahre aushält, zeigte er mir ein Foto von einem Blick auf eine Stadt und sagte: "Das ist mein Rescuepoint. Da bin ich nur ich selbst, da kann ich sein." Ich verstand ihn sehr gut. Sein Abseits als sicherer Ort war eine Wohnung in Montmartre mit einem weiten Blick über Paris. 

Ich verstand ihn sogar besser als er es ahnte. Denn das Leben hatte mir selbst heftige Krisen beschert, aber was mich immer wieder gerettet hatte, waren diese Zeiten im Abseits, im Sein am Nullpunkt, zu dem ich immer wieder fand, je heftiger es im Leben wurde. Denn hier verliert man sich nicht in der äußeren Welt und auch nicht im Verstand. Der Weg in die innere Mitte ist ein Weg in die innere Freiheit. 

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Das Rauschen des Wasserfalls wurde immer lauter und bald war ich an dem Punkt, von dem es nur noch steil bergauf ging. Ich nahm meine Stöcke vom Rucksack und freute mich auf den Anstieg. Es ging neben dem Wasserfall in die Höhe. Das Mikroklima veränderte sich leicht und seltenere Blumen tauchten auf.

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Nach gut einer Stunde erreichte ich die Hütte, die so malerisch direkt am See lag. Ich öffnete die Tür und zu meinem Erstaunen saßen dort nur drei junge Männer, von denen einer Gitarre spielte. "Everything will be alright". Das Schild im Tal galt nur  für den vorherigen Tag, erzählte mir später der Hüttenwirt. In der Nacht zuvor hatten zwei Schulklassen aus Buenos Aires übernachtet und vergessen beim Abstieg das Schild wegzunehmen.

Ich hatte Glück, einen heißen Tee und einen wunderschönen Sonnenuntergang. Zum Abendessen gab es Linsensuppe, selbst gemachtes Brot und ein Glas Rotwein. Die Jungs waren Bierbrauer aus La Plata und die einzigen, mit denen ich die Hütte teilte. Der Hüttenwirt Julian kam aus Buenos Aires.

Ich ging früh schlafen, stellte mir aber den Wecker auf 2.00 Uhr nachts, denn ich wollte auf jeden Fall den Sternenhimmel sehen. 

Ziemlich benebelt bin ich dann wirklich aufgestanden, hinausgegangen in die Kälte und war überwältigt vom Anblick des nächtlichen Himmels. Ich hatte schon lange nicht mehr die Milchstraße so leuchten gesehen.

Spätestens in so einem Moment gibt man auf, alles erklären zu wollen. Ehrfurchtsvoll schaute ich in die allumfassende Weite, da war der Raum und der Raum war in mir. Beruhigt legte ich mich wieder schlafen.

 

Am nächsten Morgen wurde ich vom Hüttenwirt geweckt. Es war schon halb zehn und ich wollte mich gerade beschweren, denn ausgemacht hatten wir halb acht. Julian lachte und sagte, dass er das meistens mit den Europäern macht, denn die hätten es immer so eilig und seien so gestresst. Aber er wusste auch, dass ich anders als die Argentinier gerne frühstücken würde und als ich die Leitertreppe herabstieg, sah ich unten am Tisch mein Frühstück vorbereitet. Frischer Kaffee, Das leckere Brot, Butter und Dulce de Leche.

Nach dem Frühstück brach ich auf ohne mich zu beeilen, verabschiedete mich von den anderen und genoss den Abstieg in vollen Zügen.

An der verabredeten Stelle wartete Martin schon auf mich und hatte zu meiner Überraschung ein Sandwich, eine Mandarine und eine Flasche eiskaltes Tonic Water mitgebracht.

 

 

Drei Flugstunden von Bariloche entfernt und einige Tage später in den Straßen von Buenos Aires. 

 

From the seaside into the desert

oder

Die Formlose Schönheit

Zwischen Malibu und Yucca Valley

Am Anfang dieser Reise kam mir immer eine alte Freundin in den Sinn, ich wusste noch nicht genau warum. Sie hiess Christina, ging oft auf Reisen und war unheilbar krank. Immer wenn sie von einer Reise zurückkam, besuchte ich sie damals in Berlin, weil ich ihre Reisebeschreibungen so schön fand. Ich liebte es, ihr zuzuhören.

Ich erinnere mich an ihre Erzählungen aus Ägypten und Italien. Sie erzählte langsam, sehr langsam. Manchmal verstummte sie während sich vor ihrem inneren Auge noch einmal das Erlebte formte. Das war so intensiv, dass ich manchmal ihre Bilder selbst sehen konnte, noch bevor sie ihre Geschichte in Worte gefasst hatte.

An die Bilder kann ich mich nicht mehr erinnern, an die formlose Schönheit dieser Momente schon.

Wenn Christina mit uns auf Reisen ging, zog sie den Ärger einiger von uns auf sich, denn immer war sie die letzte und hob hier noch einen Stein auf und schaute dort noch einmal hin. Dass das okay war, wusste ich damals schon, aber viele Jahre später verstand ich erst, warum. Sie spürte, dass sie nicht mehr so viele Jahre leben würde und deswegen erlebte sie alles viel langsamer und intensiver als wir damals.

Denn wenn die Zeit knapp wird, ist die Lösung nicht immer ein Schneller und ein Mehr.

Und diese Erkenntnis nahm ich mit auf meine Reise und fotografierte nur manchmal, aber sehr gern und am liebsten das Schöne. Meine Reise hatte in San Francisco begonnen und einige Tage später, im Joshua Tree Park, las ich dann auch den Satz, den Christina wahrscheinlich damals schon kannte.

The faster the eye is moving the less you see.

 

Wir fuhren an der Küste hinunter bis Malibu, dort verbrachten wir drei Tage am Meer und fuhren dann weiter an Los Angeles vorbei, Richtung Palm Springs zu unserer nächsten Unterkunft im Yucca Valley, um von dort aus den Joshua Tree Park zu besuchen.

Beauty is in the eye of the beholder.

Schönheit wird sichtbar in der Lücke zwischen zwei Gedanken.

Wenn eine Unterbrechung im Gedankenstrom entsteht, ist ein flüchtiges Gefühl von Freude, tiefen Friedens oder immenser Schönheit  möglich. Diese Momente entstehen manchmal zufällig, oft aber in der Natur, bei außerordentlicher körperlicher Anstrengung, besonderer Schönheit oder großer Gefahr. 

What is wrong with this photo?

The haze.... es ist der Dunst, die Umweltverschmutzung, die von Los Angeles durch das Tal von Palm Springs zieht.

The haze.... es ist der Dunst, die Umweltverschmutzung, die von Los Angeles durch das Tal von Palm Springs zieht.

What is special with this photo?

The face... das Gesicht...

The face... das Gesicht...

What is strange with this photo?

This house lets the outside in, but does it let the inside out?...  Das Haus lässt das Draussen rein, aber lässt es das Innen raus?

This house lets the outside in, but does it let the inside out?...

Das Haus lässt das Draussen rein, aber lässt es das Innen raus?

Unsere Reise endete wieder in San Francisco. Und richtig schön waren hier auch:

Ein lateinamerkianischer Supermarkt mit dulce de leche, alfajores und agua de Florida.   

Ein lateinamerkianischer Supermarkt mit dulce de leche, alfajores und agua de Florida.

 

Mein neuer Neoprenanzug, mit dem ich auch in ganz kaltem Wasser schwimmen kann...

Mein neuer Neoprenanzug, mit dem ich auch in ganz kaltem Wasser schwimmen kann...

4 Friends trekking the Channel Coast

Zwischen zwei Caps

Südlich von Calais liegt die Cote d`Opale, eine zwölf Kilometer lange Bucht zwischen Cap Gris-Nez und Cap Blanc-Nez. Weite Dünen, ländlich und leicht hügelig, leuchtet hier alles heller als zu Hause, ist weiter und größer,  auch im Winter. Das tut uns gut und öffnet unser Herz. 

Wir sind alte Freundinnen, haben uns teilweise jahrelang nicht gesehen, aber was wir alle vier gemeinsam haben, sind unsere Töchter und Söhne, junge Erwachsene, die nun lange genug ihre Zeit mit uns verbracht haben. Einiges hätten wir in den hinter uns liegenden Jahren besser, anders, mehr oder weniger machen können..... aber entscheidend ist nun, dass wir merken, dass sich in diesen jungen Leuten etwas formt und gestaltet, das außerhalb unseres Wirkens liegt. Es ist ihr eigenes Schicksal, sie gehen ihre Wege und Umwege und wir können nur da sein, zufrieden und glücklich sein, dass es uns alle gibt, so wie wir sind. Das fühlt sich gut an und lässt uns gehen. Und diesmal an der Kanalküste entlang.

Gegen Mittag kamen wir bei unserer französischen Freundin Marie Laure und ihrer jüngsten Tochter Pauline an. Es war der heisseste Tag des Sommers und auf uns wartete ein leichtes Mittagessen auf der Terrasse, direkt hinter den Dünen von Tardinghen.

Nach dem Essen hatten wir die Wahl. Wandern oder schwimmen, wir wählten beides und machten uns nach einem kühlen Bad auf den Weg nach Wissant.

Geht man an der Kanalküste am Meer entlang, muss man ganz besonders auf Ebbe und Flut achten, denn der Rückweg kann oft nicht mehr der gleiche sein wie der Hinweg. Aber dann gibt es Wege in den Dünen und Feldern dahinter, von denen aus man immer noch auf die Steilküste Englands schauen kann.

 

Die Felsen sind ein Zeichen beruhigender Stärke.

Noch vor zehntausend  Jahren war der Ärmelkanal ein Fluss mit Rhein und Themse als Nebenflüssen. Doch der Meeresspiegel stieg ständig und aus den Ufern wurden Küsten, Steilküsten. Bis heute nimmt sich das Wasser immer mehr Land und die Bewohner versuchen ihre Häuser zu retten, türmen riesige Felsen zu Dämmen und holen Sand von woanders her. Hoffentlich hält es. Der Bauernhof unserer Freundin liegt ein kleines Stück hinter den Dünen und vielleicht wird er verschont.

In Wissant fanden wir ein ganz neues Strandlokal, tranken Eistee und mieteten nebenan ein Stand Up Paddle Board für den nächsten Tag. Die See sollte ruhig bleiben und das waren ideale Bedingungen zum Üben.

Im Abendlicht gingen wir zurück nach Tardinghen und diesmal wählten wir den Weg zwischen den Dünen.

Unsere französischen Freunde hatten für uns ein kleines Restaurant ausgewählt mit eigenem Kräutergarten und Bioessen, Le Green Bistrot, am Rande Wissants. Es freute mich ganz besonders, dass auch die junge Pauline Lust hatte, mit uns essen zu gehen. Ich fühlte mich wohl und anerkannt in ihrer Nähe. Pauline hatte viele Jahre in Singapur, Deutschland und in New York gelebt, und ich mochte ihren so  wunderschönen klingenden amerikanischen Akzent. Ihr jugendliches Englisch war für mich etwas noch nie Gehörtes und Neues. Ich genoss das Zuhören. Manchmal lag eine Leichtigkeit in ihrer Stimme, von der ich nur lernen konnte. Nur einmal klang sie etwas tiefer, als sie von ihrem  Heimweh nach New York erzählte. Doch es war nur ein Moment und dann lachte sie wieder.

Wir drei, der Besuch aus Deutschland , Carmen, Susann und ich fuhren nach dem Abendessen ein kleines Stück ins Landesinnere zum Hotel La Ferme du Vert. Die Sonne war untergegangen und Carmen wunderte sich über die dunkle, schmale  Landstraße. Es war sogar so dunkel, dass wir später von unserem Fenster aus Sternschnuppen sehen konnten.

Am nächsten Morgen gingen wir von Tardinghen aus Richtung Süden. Bis zum Cap Gris-Nez liefen wir am Meer entlang, später auf dem Rückweg mussten wir wieder durch die Felder gehen, denn die Flut hatte unseren Weg eingenommen. 

"Die  Hügel sprechen am liebsten von den Bergen"
russisches Sprichwort

Am Nachmittag holten wir uns das Stand Up Paddle Board ab.

 

Ever tried
Ever failed
No matter
Try again
Fail again
Fail better.
Samuel Beckett

 

 

Und was auch noch richtig gut war:

Marie Laures Sommeräpfel, die Sonne und Meer eingefangen hatten.

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Und ihr englischer Tee aus der Flasche

 

 

 

 

Kalt gebrühter Grüntee mit Mango. Ein ganz milder Geschmack und auf keinen Fall bitter.

Unsere Unterkunft im Landesinneren

Bergtour Südtirol 2016

Similaun und Pfossental

Wenn es irgendwo magisch ist und es Orte gibt, an denen man ausschließlich Schönes oder vielleicht sogar gar nichts mehr denkt, möchte man doch immer wieder dahin zurück.

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Es ist ein wunderbarer Garten, an dieser Thermalquelle in der Villa Tivoli, Via Giuseppe Verdi 72, Merano. Hier wächst der Rosmarin aus dem Schieferfelsen, und das Heilwasser fließt direkt in den Pool. Zum dritten Mal bin ich hier. Nach einer Alpenüberquerung mit Tomás von Oberstdorf aus, dann nach einer Wanderung mit Carmen auf dem Meraner Höhenweg und jetzt wieder mit Carmen nach einer richtig alpinen Tour.

Geht man Touren mit meiner spanischen Freundin, so ist man immer in Begleitung der puren Freude, egal, wie weit der Weg, wie hoch die Berge oder wie schwer der Rucksack ist. Carmen lacht immer.

Wir beide waren unterschiedlich gut vorbereitet. Carmen, fit wie ein Turnschuh, denn sie hatte mehrmals in der Woche trainiert. Ich hingegen hatte mir die Achillessehne verletzt und konnte wochenlang nicht richtig gehen. Doch dank der superguten energetischen Heilmassagen von Heike, sanften Dehnungen und leichten Übungen war ich schon ein paar Tage vor der Tour zum Glück wieder ohne Schmerzen.

Am 30. Juni ging es dann vom Tisenhof los auf die Similaunhütte. Ein heftiger Anstieg bis auf 3200 Meter, und man fragt sich spätestens nach der Hälfte, warum man das tut. Die Antwort ist einfach. Es ist purer Genuss, von oben genau zu sehen, wo man vorher war. Denn schaute man auf seinen eigenen Anstieg zurück, lag da immer der kleine, leuchtend türkisblaue Minifleck, der Vernagtstausee. Das Wetter war nicht stabil, und es hörte sich an wie einschlagende Blitze, wenn sich unterwegs Felsbrocken lösten, so etwas hatte ich noch nie gehört. Alpenrosen, die Miniableger vom Rhododendron aus dem Himalaya, begleiteten uns genauso wie Teufelskralle, Hahnenfuß, Aurikel und wilde Vergissmeinnicht.

Die Blüte ist das Leuchten der Blätter, und je höher man kommt, umso intensiver leuchten sie, denn die Sommerzeit ist kurz, und manchmal schneit es sogar.

Das letzte Stück ist meistens das steilste, aber daran dachten wir nicht, da man sowieso immer weniger denkt, wenn man stetig bergauf geht. Nie fragten wir Herunterkommende, wie weit es noch sei. Wir hatten unsere eigenen Tricks, mit den steilen Passagen klarzukommen. Denn jede Blume, jeder Ausblick oder ein Schluck Wasser aus dem Bach waren immer ein guter Grund zum Stehenbleiben und zum Luftholen. Denn es darf leicht sein und länger dauern, als in den Tourenbeschreibungen angegeben.

 Die Similaunhütte liegt an einem Übergang vom Schnalstal ins Ötztal, von Südtirol nach Österreich, von der Sonnenseite in die Zentralalpen. Hier hatte man 1991 im schmelzenden Gletscher eine 5000-jährige Mumie gefunden, den Ötzi. Gleichzeitig ist es der höchste Punkt der Alpenüberquerung, des E5.

Früh kamen wir in der Hütte an und freuten uns riesig über ein Upgrade vom Lager in ein Zweibettzimmer. Es war ein kleiner, karger Raum für zwei Tage und Nächte. Eine Münze für eine dreiminütige Dusche, warme Kleidung und eine Ruhepause vor dem Abendessen, mehr brauchten wir nicht.

Langsam spürten wir die Freiheit, die sich ausbreitet, wenn man sich auf das Wesentliche konzentriert.

Der nächste Tag war sensationell. Gern wären wir über den Gletscher auf den Gipfel des Similaun gegangen. Andere taten es, aber in Gruppen und mit Bergführer. An diesem Morgen war das Blau über uns überwältigend, und wir schauten nicht mehr zum Himmel hinauf, sondern in den Himmel hinein. Der Horizont war eine scharfe Linie zwischen blendendem Weiß und ganz hellem Blau. Und weil wir keine Steigeisen und keinen Bergführer hatten, entschieden wir uns für die Ötzifundstelle, kamen aber schnell an ein Schneefeld. Man konnte den weiteren Weg klar erkennen, aber da war direkt vor uns ein steiles Stück im tiefen Schnee, und Carmen sagte gleich: „Bueno, bueno, bueno. Luca, para mi no es.“ Das war eine klare Entscheidung. Ich selbst blieb nach ein paar Metern derart im Schnee stecken und kehrte auch um.

Wir hatten abgebrochen, und das ist etwas anderes als Scheitern. Aufgeben ist eine bewusste Entscheidung, Scheitern ein Prozess mit einem erwachenden Moment aus unbewusstem Handeln heraus. Es ist wie mit dem Krieger und dem Kämpfer, denn der Krieger weiß immer, wann der Kampf zu Ende ist. 

Später gingen wir zur Martin-Buschhütte, tranken einen Filterkaffee und freuten uns auf dem Rückweg wieder auf die südtiroler Atmosphäre und die italienische Lebensfreude in der Similaunhütte. Genüsslicher ist diese Hütte, schöner und freundlicher. Das Abendessen erfüllt nicht nur seine Funktion und stillt den Hunger, sondern es ist richtig lecker. Hier gibt es eine Achtsamkeit über den reinen Nutzen hinaus. Es darf eben nicht nur leicht, es darf auch schön sein. Man merkt es an den kleinen Dingen, einer Geste oder einem freundlichen Blick der Menschen in Südtirol.

Mit der Kleidung ist es ähnlich. In den Nordalpen erfüllt die Kleidung ihren Zweck, eben als Funktionswäsche, am besten in Schwarz oder Erdtönen, und dazu eine bügelfreie, karierte Bluse und immer noch irgendwo ein aufgedrucktes Edelweiß.  Die Italiener jedoch bleiben auch ganz oben elegant, die Jacken sind auf Taille und kürzer geschnitten, und die Farben leuchten schon von Weitem. Sogar die Bergschuhe sind bunt. Denn in allem darf Leichtigkeit, Genuss und Schönheit sein.

 Die Weisheiten in den Bergen sind einfach. Was man hoch geht, geht man auch wieder runter, mit dem Unterschied, dass die Blasen beim Abstieg nicht an den Fersen, sondern an den Zehen sind. Dreht man sich beim Abstieg um, fühlt man sich kleiner, und die Möglichkeit abzurutschen wird größer, je intensiver man ins Tal schaut. Carmen hatte in der Nacht zuvor einen Alptraum, und plötzlich packte sie die Angst am oberen steilen Teil des Abstiegs. Sie ist vorsichtig, bleibt stehen und fühlt erst mal, was los ist. Und das gibt auch mir die Zeit, innezuhalten. Tiefes Durchatmen, Zutrauen und eine gemeinsame Herzintegration brachten uns Stück für Stück weiter zum Geröllfeld, da war es dann nicht mehr zu steil.

Es sind die guten Gedanken, die Angst auflösen. Es ist ein intensives Gefühl, viel stärker als Hoffnung oder Zuversicht, es ist „la Fe“, für das es im Deutschen gar kein Wort gibt. Es ist der Glaube an das Sinnbringende in allem, an das Lichtvolle und zugleich Absichtslose, was die Angst gehen lässt. Einfach ist das Loslassen nicht, aber es darf und kann plötzlich ganz leicht sein.

Natürlich schafften wir den Abstieg und fanden in Kartaus ein Restaurant, wo wir zum Mittagessen einkehrten. Auberginenknödel ohne Fett und Mehl, denn es darf auch beim Essen ganz leicht sein. Die Kellnerin Anne-Marie erzählte uns, wie sie nach einer Lungenembolie verzweifelte und dachte, sie könne nie wieder auf einen Berg gehen, und dann doch während ihrer Genesung übte und stetig Stück für Stück höher kam und nach zwei Jahren wieder auf einem Dreitausender war. So schön, so gerne ... Denn auch nach einer heftigen Krise darf es wieder ganz leicht sein.

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 Die nächste Nacht verbrachten wir im Pfossental auf der Mitterkaser Alm. Die Wanderungen auf dem Meraner Höhenweg sind nicht so anstrengend, meditativer, und hin und wieder findet man einen wunderschönen ebenen Platz für ein paar Dehnübungen. Auf der Mitterkaser Alm ist das Frühstück bis auf den Biokaffee aus eigener Herstellung. Schinken, Käse, Brot, Butter und Marmelade, alles entsteht da oben und schmeckt köstlich. Obwohl die Menschen hier viel arbeiten, haben sie immer Zeit für ein Gespräch.

Gern erzählen sie von ihrem Dasein und ihrer Freiheit, die sie dort oben spüren.  Dass sie sich nicht wirklich mit den Dingen jenseits des Berghorizontes beschäftigen, wird manchmal auch als eine Art buddhistischer Seelenfrieden gedeutet. Carmen und mir gefiel‘s.

 An diesem Vormittag strahlte die Sonne so stark, dass uns beim Gehen der Glimmerschiefer entgegen leuchtete. Wir gingen bis zum Ende des Pfossentals, von da aus braucht man noch eineinhalb Stunden zur Stettiner Hütte oder, genauer gesagt, zum Provisorium der Hütte, denn sie war vor zwei Jahren von einer Schneelawine zerstört worden. Ein Blick auf folgende Fotos lohnt sich, um eine Ahnung zu bekommen, was die Zukunft an diesem Ort bringen könnte.

 Ich hatte schon lange verstanden, was ein alter Freund von mir meint, wenn er sagt, die Alpen seien ein Garten. Wildnis gibt es keine mehr. Es ist bis auf die Gipfel hinauf eine Kulturlandschaft, eine von vielen Völkern geprägte und geformte Natur. Schön, majestätisch, auch gefährlich, aber nicht wild wie andere Gebirge außerhalb Europas.

 Von der Mitterkaser Alm ging es dann Richtung Montferthof, Teil des Meraner Höhenweges, an Wiesen mit Türkenbund vorbei. Auch hier begegnete uns nur selten jemand. Bei diesem ruhigen Gehen kommt man in einen tranceähnlichen Zustand.

Nach einer Weile weicht der Verstand zurück, man wird eins mit dem Weg, und der Fuß weiß ganz von allein, welcher Stein den Körper hält. Eine viel größere Energie übernimmt plötzlich die Bewegung, und es bedarf an dieser Stelle keiner Technik mehr, nur der Körper sammelt mit jeder Zelle jede einzelne Erfahrung beim Gehen.

Der Montferthof ist ein kleiner Biobauernhof an einem Steilhang mit Pfefferminzsirup, bequemen Betten und leckerem Essen. Wir schliefen göttlich und länger als sonst, und am nächsten Morgen nahmen wir von Katharinaberg den Bus zurück nach Meran.

Manche Menschen fragen sich jedes Jahr aufs Neue, in die Berge oder ans Meer? Wir neigen immer wieder zum Vergleich, um dann eins von beiden auszuschließen. Aber die Königskerze kann es besser, denn sie wächst sowohl in den Alpen als auch in den Dünen von Wissant.

Denn das Meer ist die Schwester der Berge, und der Himmel strahlt über beiden.

 Wovon ich nicht geschrieben habe: 

Von unserem Muskelkater und meiner Erschöpfung am Flughafen in Verona. Von Paul aus Kartaus, der uns im September auf den Gipfel des Similaun führen will. Von der Shoppingtour durch die Laubengasse von Meran. Von Carmens Entschluss, im nächsten Jahr nur mit 6 Kilo Gepäck loszuziehen. Von der Lust, in Argentinien, von Bariloche aus, gemeinsame Touren zu starten und von der grundlosen Freude, die beim Gehen in jedem Moment mitschwingt.

Summfelsen - Schlummernde Berggeister

Ihre Stimme kann die verborgenen Energien dieses Porphyrfelsens wecken. Legen Sie Ihren Kopf in eine Aushöhlung und summen Sie. Der Felsen gibt ihnen den„richtigen“ Ton als Schwingung wieder. 

Dies ist bis in die Zehenspitzen spürbar.

Die Wirkung gleicht einer heilenden Tiefenmassage. Steinlöcher wurden in antiken Kulturen für die Erhaltung der Gesundheit, zur Heilung und Meditation benutzt.